Kooperation statt Kostendruck: Was das Dialogforum in Schwerin für die GV in Mecklenburg-Vorpommern bewegt hat

Am 23. März 2026 kamen in Schwerin Köche, Kommunen, Politik und Wissenschaft zusammen, um die Zukunft der GV (Gemeinschaftsverpflegung) in Mecklenburg-Vorpommern zu gestalten. Kitas und Schulen sind die schnellsten Hebel für Veränderung – täglich über 100.000 Mahlzeiten, ein riesiges Potenzial. Was das Forum bewegt hat, wo es hakt und was jetzt passiert: mein Rückblick.
Ein Tag in Schwerin, der etwas verschoben hat
Ich war Impulsgeberin beim Dialogforum „Gute, nachhaltige und bezahlbare GV in Mecklenburg-Vorpommern” – einer Kooperationsveranstaltung von BIO in MV e.V. und RegioVers. Über 100 Menschen aus Politik, Praxis, Wissenschaft und Landwirtschaft saßen zusammen. Und ich sage das selten so klar: Dieser Tag hat mich begeistert.
Nicht wegen der Reden. Sondern wegen der Workshops.
In der GV in Mecklenburg-Vorpommern wissen wir alle: Ohne Plan herrscht Chaos. Planungssicherheit ist aber mehr als ein Dienstplan, der steht. Es geht ums Fundament unserer Arbeit – die Beschaffung. Und genau da hapert es. Nicht nur in Schulen oder Kitas. Sondern strukturell, überall.
Das ist kein neues Problem. Aber an diesem Tag in Schwerin hat sich etwas verschoben.
Warum sind Schulen in der GV in Mecklenburg-Vorpommern der entscheidende Hebel?
Weil hier die Zahlen und die Akteure zusammenkommen. In Kitas und Schulen in Mecklenburg-Vorpommern werden täglich über 100.000 Mahlzeiten ausgegeben. Die Träger sind überschaubar, die Vergabestrukturen bekannt, der politische Wille wächst. Kein anderer Bereich der Gemeinschaftsverpflegung bietet so viel Hebel auf einmal.
Gleichzeitig ist die Kita-Verpflegung in MV genau dort, wo Gewohnheiten entstehen. Was Kinder in der Kita essen, prägt ihr Verhältnis zu Lebensmitteln – für Jahrzehnte. Das ist keine Theorie. Das ist Ernährungsbildung im Alltag, ob wir wollen oder nicht.
Die Frage ist nur: Nutzen wir diesen Hebel bewusst – oder lassen wir ihn links liegen?
Warum scheitert nachhaltige Gemeinschaftsverpflegung oft am System?
Weil niemand die Verantwortung übernimmt. Die Caterer wollen planen, können aber nicht – weil Auftraggeber kurzfristig und günstig ausschreiben. Die Kommunen wollen Qualität, scheuen aber das Vergaberecht. Die Erzeuger wollen liefern, haben aber keine verlässliche Abnahme.
Das Ergebnis kennen wir alle aus dem Küchenalltag: hochverarbeitete Produkte, immer verfügbar, immer günstig, immer gleich. Frische? Schön wär’s. Regional? Vielleicht irgendwann.
Was das Dialogforum gezeigt hat: Diese Schleife lässt sich durchbrechen – aber nur, wenn alle drei Seiten gleichzeitig bewegt werden. Auftraggeber, Küchen und Erzeuger.
Konkret wurden folgende Maßnahmen diskutiert:
- Verbindliche Bio-Quoten in öffentlichen Einrichtungen (Vorbild: Greifswald mit 30 %)
- Verankerung von Qualitätsstandards im Kitafördergesetz (KiFöG)
- Aufbau einer landesweiten Ernährungsstrategie für MV
- Ressortübergreifende Zusammenarbeit zwischen den Ministerien
- Aufbau einer zentralen Koordinierungsstelle für Caterer der öffentlichen GV
Ziel war es, die Ministerien dafür zu gewinnen, Ernährung als Querschnittsthema anzuerkennen – eines, das alle Ressorts betrifft. Das Agrarministerium hat bereits entsprechende Signale gesendet.

Was passiert, wenn Caterer der GV Mecklenburg-Vorpommern keine Planungssicherheit haben?
Sie minimieren das Risiko. Das ist verständlich – und für die Qualität in der Gemeinschaftsverpflegung in Mecklenburg-Vorpommern oft fatal.
Wenn ein Träger heute ausschreibt und morgen den billigsten Anbieter nimmt, kann kein Küchenbetrieb langfristig in gute Ware investieren. Wer als Küchenleitung keine Planungssicherheit hat, kauft das, was immer verfügbar ist: Tiefkühlware aus dem Großhandelssortiment.
Das ist keine Kritik an den Köchen. Das ist eine Systemfrage.
Ein konkretes Bild aus der Praxis: Wenn ein Kartoffelbauer weiß, dass ein Caterer ihm pro Jahr 100.000 kg abnimmt, kann er planen. Er kann von konventionell auf Bio umstellen, sein Nachhaltigkeitsmanagement verbessern. Bei Ernteausfällen bricht das System nicht zusammen, weil verlässliche Netzwerkpartner da sind.
Ohne diese Verbindlichkeit passiert das Gegenteil: Der Bauer verkauft an den Großhandel, der Caterer kauft beim Großhandel – und die Wertschöpfung fließt irgendwohin, nur nicht in die Region.
Mehr zu den strukturellen Hintergründen habe ich in meinem Beitrag zur Ernährungswende in Zeitlupe beschrieben.
Wie lässt sich bioregionale Beschaffung in Schulen und Kitas ohne Mehrarbeit einführen?
Indem man Beschaffung als strategische Entscheidung begreift – nicht als Einkaufsliste.
Die Workshops in Schwerin haben das klar gemacht: Sozialträger und Kommunen, die Verpflegungsaufträge vergeben, sitzen am Hebel. Sie können Bio-Regio-Kriterien in Ausschreibungen einbetten, ohne gegen Vergaberecht zu verstoßen – wenn man es richtig macht.
Was das konkret bedeutet:
- Qualitätskriterien statt reiner Preisvergleich in Vergabeverfahren
- Förderung von Umstellungsberatung für Caterer (bis zu 80 % Bundesförderung über RIBE-AHV nutzbar)
- Saisonalität und Regionalität als Bewertungskriterien in Ausschreibungen verankern
- Küchen in pädagogische Gesamtkonzepte integrieren – nicht als Kostenstelle, sondern als Lernort
Wie Ausschreibungen in der Schulverpflegung gezielt gestaltet werden können, habe ich hier aufgeschrieben: Ausschreibung Schulverpflegung – klare Regeln, gute Aufträge.
Als Beratungskraft im Netzwerk essen&ernähren erlebe ich täglich: Die meisten Küchen wollen sich verbessern. Was fehlt, ist kein guter Wille – sondern Struktur, Zeit und ein verlässlicher Ansprechpartner.
Das Paradox mit dem Gefängnis – und was es uns lehrt
Es klingt absurd. Aber es ist eine der ehrlichsten Beobachtungen, die ich kenne.
In Bildungseinrichtungen wird Verpflegung oft als beliebig auslagerbar betrachtet. In manchen Gefängnissen passiert dagegen genau das, was wir uns für Schulen wünschen: Inhaftierte arbeiten im Garten, ziehen eigenes Gemüse und bereiten es in der Küche zu. Ein geschlossener Kreislauf. Wertschätzung für Lebensmittel, für Arbeit, für Zusammenhänge.
Warum schaffen wir das nicht dort, wo unsere Kinder essen?
Die Antwort ist unbequem: weil wir es noch nicht als Priorität gesetzt haben. Dabei zeigen Praxisbeispiele wie die Dorfschule Wismarer Land oder Hanse-Kinder Greifswald, die beim Dialogforum berichteten: Es geht. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen und das Team mitgenommen wird.
Praxisbeispiel: Bio-Umstellung in einer Kita-Küche – auch in der GV Mecklenburg-Vorpommern möglich
Aus der Umstellungsberatung, die beim Dialogforum vorgestellt wurde, ein konkretes Beispiel:
Ausgangslage: Kita-Küche in Eigenregie, 80 Essen täglich, Bio-Anteil unter 10 %
Maßnahmen:
- Menüplanung saisonal neu aufgestellt (regionaler Saisonkalender als Grundlage)
- Direktkontakt zu zwei regionalen Erzeugern aufgebaut
- Fleischanteil moderat reduziert, Budget umgeschichtet
- Küchenteam in einem Workshop für Küchenteams weitergebildet
- Rezepte überarbeitet: z. B. aus Radieschengrün + Kürbiskernen ein Pesto, das ein Körnerbrot aufwertet – aus vermeintlichem Abfall wird ein Highlight, das Gäste nicht vergessen
Ergebnis nach 12 Monaten:
- Bio-Anteil auf über 60 % gesteigert
- Kosten nicht gestiegen
- Team-Motivation spürbar gestiegen
- Elternfeedback durchgehend positiv
Das ist kein Einzelfall. Das ist wiederholbar – mit der richtigen Beratung für Gemeinschaftsverpflegung und einem praxisnahen Coaching für Küchenteams.
Was jetzt in MV passiert – die nächsten Schritte
Das Forum war kein Selbstzweck. Die Ergebnisse gehen jetzt in konkrete politische Gespräche.
Wir haben dem Bildungsministerium einen Entwurf für eine Ernährungsstrategie vorgelegt. Nun folgen bilaterale Gespräche mit den einzelnen Ministerien. Ziel ist die Anpassung der Rahmenbedingungen im Kitafördergesetz.
Es ist noch ein weiter Weg. Aber: Irgendwo muss man anfangen.
Was mich optimistisch macht: Die Bereitschaft zur Kooperation war in Schwerin spürbar. Nicht nur zwischen Küchen und Erzeugern – sondern zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis. Das ist selten. Und wertvoll.
Wer tiefer einsteigen möchte: Das Forschungsprojekt RegioVers liefert fundierte Daten zu bio-regionalen Wertschöpfungsketten in MV. Die Initiative BioBitte unterstützt Küchen beim praktischen Einstieg in mehr Bio.
Einen Überblick über das Dialogforum gab es auch hier auf dem Blog: Gemeinschaftsverpflegung in MV – Neue Dynamik durch Dialogforum.
FAQ: Gemeinschaftsverpflegung in MV – Eure Fragen, meine Antworten
Kitas und Schulen. Dort gibt es die größte Anzahl an Akteuren, überschaubare Trägerstrukturen und klare politische Anknüpfungspunkte. Täglich werden in MV über 100.000 Mahlzeiten in diesen Einrichtungen ausgegeben – das ist der Bereich mit der größten Hebelwirkung für bioregionale Beschaffung und gesunde Ernährungsgewohnheiten.
Umstellung muss nicht teurer sein. Durch saisonale Menüplanung und eine moderate Reduktion des Fleischanteils lässt sich das Budget umschichten. Praxisbeispiele zeigen: Ein Bio-Anteil von 30–60 % ist oft kostenneutral erreichbar – mit gezielter Planung und dem richtigen Lieferantennetzwerk.
Über das Bundesprogramm RIBE-AHV können Caterer bis zu 80 % der Kosten für Umstellungsberatung fördern lassen. Voraussetzung sind eine zertifizierte Beratungskraft und ein klarer Umstellungsplan. Das Programm ist noch wenig bekannt – aber sehr relevant für Träger und Küchenleitungen in MV.
Das Forum hat keine Beschlüsse gefasst, aber klare Impulse gesetzt. Die Ergebnisse der Workshops fließen in bilaterale Gespräche mit den Ministerien ein. Ziel ist unter anderem die Anpassung des Kitafördergesetzes und der Aufbau einer landesweiten Ernährungsstrategie inkl. GV in Mecklenburg-Vorpommern.
Erste spürbare Verbesserungen sind oft innerhalb von drei bis sechs Monaten erreichbar. Eine vollständige Umstellung auf 30 % Bio-Anteil dauert in der Regel 12 Monate. Entscheidend ist ein praxisnahes Coaching für Küchenteams, das die Mitarbeitenden von Beginn an einbindet.

Regionale Beschaffung ist kein Luxusgut. Sie ist das Ergebnis von Vertrauen, mutiger Planung und echten Kooperationen.
Kooperation ist das, was Gesellschaft zusammenhält – und was in der Gemeinschaftsverpflegung in Mecklenburg-Vorpommern gerade neu gelernt wird. Schule für Schule, Kita für Kita, Küche für Küche.
Das Dialogforum in Schwerin war ein wichtiger Schritt. Die Arbeit beginnt jetzt.
Wenn Sie Fragen haben, Impulse suchen oder eine konkrete Beratung für Ihre Einrichtung möchten – melden Sie sich.
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